Das ungeliebte Kind

Irgendwie fehlen mir bei diesem Thema die richtigen Worte… Ich will nicht zu emotional werden, aber trotzdem klar machen, wie wichtig dieses Thema ist… Ich will niemanden verletzten, aber dazu anregen sein Verhalten zu hinterfragen… Ich möchte keine alten Wunden aufreißen, aber dennoch die Wahrheit nicht verschweigen!

Ich habe drei Kinder. Drei Kinder mit einem wirklich geringen Altersabstand. Ein Mädchen von 3 Jahren und Zwillingsjungs von 18 Monaten. Ich befinde mich täglich am Rande des Wahnsinns und habe wirklich Angst davor, dass ich es nicht schaffe allen dreien gerecht zu werden. Oder vielmehr, dass sich eines meiner Kinder nicht geliebt fühlt… Zurückgesetzt, Fehl am Platz… Das bedeutet nicht, dass ich deshalb meine Kinder wie rohe Eier behandle, sondern vielmehr möchte ich dieses Thema nicht aus den Augen verlieren! Denn häufig lese ich zu diesem Thema folgenden Satz „Ja, ich liebe meine Kinder nicht gleich, aber genauso stark auf unterschiedliche Weise!“ Liebe Mamas, bitte nehmt es mir nicht krumm, aber das reicht nicht! Ich weiß, dass ihr alle euer Bestes gebt, aber manchmal reicht das nicht. Es gibt nichts Wichtigeres als das euer Kind eure Liebe auch spürt. Sprich, auch wenn ihr wisst, dass ihr euer Kind genauso liebt wie das Geschwisterkind, bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass das auch euer Kind weiß oder spürt. Daher sollte man hier wirklich aufmerksam sein und öfter auch mal ganz direkt über dieses Thema beziehungsweise über die Gefühle Eurer Kinder sprechen.

Ich möchte, dass meine Kinder später einmal mit guten Gefühlen an Ihre Kindheit zurück denken und das sie bei Kindheitserinnerungen immer die Liebe spüren! Die Liebe ihrer Eltern! Bedingungslose Liebe und das meine Kinder wissen, dass Ihre Eltern immer hinter ihnen standen und stehen werden! Das sie sich an den sonntäglichen Essensduft von zuhause erinnern, an hunderte vorgelesene Märchen, Nachtwanderungen, das Trösten bei dem ersten Herzschmerz, gemeinsame Urlaube voller Leichtsinn! Ja das mag kitschig klingen, aber genau so hätte ich es gerne!

Aber wie schafft man das? Ich bin momentan schon froh, wenn ich einen ganz Tag lang nicht laut werde…

Vor Kurzem habe ich eine Diskussion auf Facebook verfolgt und dort stellte sich auch die Frage, ob Mehrfach-Mamas all ihre Kinder gleich stark lieben könnten und eine Aussage war „Das ist ja meistens ganz klar zu sehen, dass die Mütter einen Liebling haben!“ Das hat mich echt erschreckt und ich frage mich, wenn das schon Außenstehende so klar sehen können, dann können das die betreffenden Kinder doch sicherlich auch! Ich finde diesen Gedanken unfassbar traurig, denn jeder hat doch den Wunsch und vor allem das Bedürfnis geliebt zu werden und das so wie man ist. Man kann nicht von jedem geliebt werden mit seinen Ecken und Kanten, aber die eigene Mutter sollte das Kind doch so nehmen und lieben können wie es ist! „Egal was Du machst! Ich bin Deine Mutter! Und meine Liebe zu Dir ist unendlich“ (Zitatgeber unbekannt).

Aber ich bin nicht hier um mit dem Finger auf andere Mamas zu zeigen. Ich möchte mit meinem Beitrag vielleicht einen kleinen Denkanstoß geben und bestenfalls Tipps geben, wie man all seinen Kindern ein gutes Gefühl geben kann. Dafür habe ich der Familientherapeutin Leen Gansbeke ein paar Fragen gestellt und sehr interessante Antworten bekommen.

Zunächst hat mir Leen einen ganz wichtigen Punkt deutlich gemacht! Leen: „Man muss 2 Sachen aus einander halten: einen Liebling haben und ein Kind, dass sich nicht geliebt fühlt. Diese zwei Sachen sind nicht unbedingt mit einander verbunden: man kann einen Liebling haben, aber die Kinder nehmen das ganz anders war. Man kann sich auch als “Liebling” nicht geliebt fühlen. Es liegt immer in der Betrachtung jeder einzelnen Person.“

Ich finde diese Aussage unfassbar beruhigend, denn wir sind alle „nur“ Menschen und im Leben gibt es Menschen mit denen können wir mehr und manche mit denen können wir weniger oder anders: Es gibt Personen mit denen trinke ich gerne einen Wein und es gibt Personen mit denen trinke ich lieber einen Kaffee! Und ich denke, dass man auch bestimmte „Vorlieben“ bei seinen Kindern entwickelt. Mit der Tochter liebt man es gemeinsam zu Ikea zu fahren! Mit dem Sohn liebt man die Runden Mau mau oder oder oder. Auch Geschwisterrivalität muss nicht unbedingt die Alarmglocken schrillen lassen.

Leen: „Geschwisterrivalität ist zum größten Teil ein “normales” Phänomen, nur ist sie nicht in jeder Familie genau so ausgesprochen. Es ist aber nicht so, dass Geschwisterrivalität immer einen Hinweis darauf ist, dass ein oder beide Elternteil(e) einen Liebling haben.“

Es ist eine Thematik, die vor allem in der Pubertät und Erwachsenen viel deutlicher wird, weil ein Mensch sich erst dann dieser Dynamik besser bewusst wird bzw. darüber reflektieren kann. Aber auch weil die Folgen und das eventuelle Leiden auf Dauer erst später besser sichtbar werden. Aber nicht jeder, der es erfahren hatte, wird auch irgendwann mal beim Psychologen landen.

Und hier kommt das Interview mit Leen. Auch wenn es erst ein mal theoretisch ist, fand ich die Ansätze extrem interessant und für den ein oder anderen Denkanstoß sehr hilfreich.

1. Hattest Du schon öfter mit dem Problem zu tun, dass sich Kinder nicht geliebt fühlen?

Ich hatte persönlich noch keine Fälle, wo es ganz klar war, dass ein Kind sich nicht geliebt fühlte. Meine Therapiekinder sind meistens Kinder zwischen 1 und 10 Jahre alt. Aber ich werde natürlich immer mit der ganzen Familie konfrontiert, wo die Rolle jedes Kindes immer mit thematisiert wird. In der Praxis sind sich Kinder in Familien mit mehreren Kindern sehr gut darüber bewusst, welches Kind die meiste Aufmerksamkeit bekommt bzw. das Meiste bei den Eltern bekommt. Egal ob das Aufmerksamkeit, extra Leistungen, Geschenke, Vorteile aller Art, aber auch Beschimpfungen oder Nachteile sind. Nur ab und zu kann festgestellt werden, dass Mutter oder Vater einen Liebling haben. Meistens sehen Eltern es allgemeiner: dieses Kind ist ganz einfach und unkompliziert, beim anderen Kind verzweifelt man immer wieder, was jetzt eigentlich los ist. Viele Eltern geben sich selbst die Schuld, wenn es mit einem Kind nicht einfach läuft, und meinen, sie machen es nicht gut genug. Andere schreiben alles dem Charakter oder der Störung des Kindes zu. Der Platz in der Kinderreihe spielt eine wichtige Rolle. Es gibt grob 4 wichtige Rollen: der Perfekte, das schwarze Schaf, der Unsichtbare und der Verwöhnte. Oft in dieser Reihenfolge, aber nicht unbedingt Und jede Rolle löst bei Eltern andere Reaktionen und Zuneigung aus. Es spricht für sich, dass die schwarze Schafe am meisten leiden unter dem Gefühl, nicht geliebt zu werden. (Zum Thema Rollenverteilung werde ich einen extra Beitrag schreiben, dass würde hier den Rahmen sprengen)

  1. Was sind die Auswirkungen?

Weil schwarze Schafe oft ab sehr jungem Alter in dieser Rolle “landen”, entwickelt sich durchaus schnell einen Teufelskreis, der im schlimmsten Fall dazu führen kann, dass ein Kind nicht mehr gewünscht ist in der Familie. Es sind oft diese Kinder, die irgendwann wegen Auffälligkeiten oder Verdacht auf Störungen vom Arzt oder Psychologe “angeschaut”‘ werden. Diese Kinder können Verhaltensauffälligkeiten aller Art zeigen, oft Aggressionen, Aufmerksamkeitsprobleme, Entwicklungsprobleme, Probleme im Sozial-emotionalen Bereich. Ab der Pubertät kann es zu Drogenkonsum, Risikoverhalten, Delinquenz (ich übersetze das mal eben für Leen 😉 Delinquenz= ist die Neigung, vornehmlich rechtliche Grenzen zu überschreiten, das heißt, straffällig zu werden.) etc. führen. Aber auch zu Depressionen, Essstörungen, Ängste…

  1. Hattest Du auch schon Fälle von Familien, die wegen anderer Probleme kamen und am Ende herauskam, dass das Kind sich so „auffällig“ verhält, weil es sich nicht geliebt fühlt?

Im Sinne von oben erwähnten Störungen passiert es natürlich, dass ich Familien begleite, wo ein Teil des Problems ist, dass ein Kind sich nicht geliebt fühlt. Ich möchte es aber nicht schwarz-weiß stellen, weil psychologische Ursachen nicht so geradlinig sind und meistens das nicht geliebt fühlen bzw. Lieblingskinder haben nur ein Teil des “Problems” ist. Es ist einer von mehreren Faktoren, die eine Rolle spielen in der gesamten Familiendynamik. Diese Dynamik hat übrigens meistens einen “Ursprung” (kann man nicht ganz so betiteln aber ich finde nicht sofort einen anderen Nenner) schon in den vorherigen Generationen, weil alle Eltern auch einmal Kind waren und man seine eigene Erfahrungen sehr stark mitbringt wenn man Kinder kriegt.

  1. Eltern sind ja auch „nur“ Menschen! Was also kann man tun, wenn man merkt einen Liebling zu haben? Und klar zu bevorzugen?

Wenn man als Elternteil in der Lage ist, zu reflektieren, wie man unterschiedlich mit seinen unterschiedlichen Kindern umgeht, ist das schon der erste Schritt, etwas an der Dynamik zu verändern. Oft tut sich schon was, so bald man sich der Problematik bewusst wird. Es geht z.B. darum, kleine Unterschiede in Lob und Anregung bzw. schimpfen zu entdecken. Und das “schwarze Schaf” öfter zu loben, wenn es Sachen gut hinkriegt oder einfach mal “brav” ist. Wenn es klare Unterschiede gibt in der Verteilung von Vorteile und Unterstützung (Erlaubnisse, mehr finanzielle Unterstützung, mehr Lob und Zuneigung), ist es wichtig zu überlegen, wie man es gerechter verteilen kann. Natürlich kann es hilfreich sein, sich zu überlegen, warum welches Kind welche Reaktionen bei einem hervorruft. An was erinnert es einen, vielleicht aus der eigenen Kindheit? Ähnliches oder genau das Umgekehrte? Oder welche Vorstellungen und Erwartungen hatte man bei jedem einzelnen Kind, die schon oder nicht erfüllt werden? Und welche Gefühle ruft das hervor?

Eltern werden und sein ist nicht einfach, aber die meisten werden es, ohne sich großartig bewusst Vorstellungen zu machen, oder gerade mit sehr konkreten Vorstellungen. Im ersten Fall kann es dann sein, dass etwas bewusster angeschaut werden muss, im zweiten Fall muss man vielleicht die Augen für die Wirklichkeit öffnen und nicht an den eigenen Wünsche festhalten. Wichtig ist immer, jedes Kind als eine wertvolle Person zu betrachten, und die unterschiedliche Stärken und Schwächen zu erkennen, zu akzeptieren und zu schätzen.


Ich hoffe, dass ich Euch den ein oder anderen wertvollen Denkanstoß geben konnte. Und ich kann hier nur noch mal sagen: Redet mit euren Kindern! Seid aufmerksam! Wir Mütter und Väter sind keine Übermenschen und wir können nicht jegliches schlechte Gefühl in unseren Kindern verhindern oder erahnen! Aber wir können jeden Tag unser Bestes geben und Achtsam durch die Kindheit unserer Kinder laufen.

  4 comments for “Das ungeliebte Kind

  1. September 15, 2016 at 6:19 pm

    Ein sehr interessanter Beitrag, den ich aufmerksam gelesen habe. Mir kommen auch oft Situationen in den Sinn, in den wir als Eltern nicht unbedingt ein Kind bevorzugen, sondern das andere, charakterlich vielleicht etwas “kompliziertere” Kind einfach strenger behandeln. 100%ige Gleichbehandlung gibt es wohl trotzdem in der Praxis nie. Aber ich finde es wirklich toll, dass Du dieses Thema angesprochen und so tiefgründig ausgeführt hast. Viele Grüße! Claudia

    • DreiPlus2
      September 15, 2016 at 6:30 pm

      Vielen Dank Claudia! Du hast auf jeden Fall damit recht, dass es nie 100% geht, aber ich glaube 80% wären auch schon ausreichend 😉 Liebe Grüße Nina

  2. September 15, 2016 at 6:34 pm

    Das ist ein guter Beitrag. Ich finde das nicht einfach. Ich war selbst auch das “schwarze Schaf”, obwohl ich die Erstgeborene war.
    Nun habe ich hier das Sirenchen. Die Mitte. Sie ähnelt mir im Temperament. Wir haben es nicht immer leicht miteinander. Wenn man so will, könnte man sie auch “das schwarze Schaf” nennen. Und mir ist sehr viel daran gelegen, dass sie sich nicht ungeliebt fühlt. Ich hoffe, ich kann ihr das vermitteln. Ich hoffe alle drei fühlen sich so geliebt, wie ich es fühle.

    • DreiPlus2
      September 16, 2016 at 11:06 am

      Vielen Dank liebe Beatrice! Ich glaube Du machst das schon richtig!

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